Kurz-Dokumentation: „Barrierefreiheit im Wandel: Chancen und Grenzen von Gebärdensprach-Avataren"
Unterstützende KI-Technologien werden zunehmend auch für eine barrierefreie Kommunikation verwendet. Welche Potenziale und Herausforderungen ergeben sich für Gebärdensprachnutzende durch den Einsatz von Gebärdensprach-Avataren im Hinblick auf ihre Teilhabe? Wie weit ist die Technologie? Wo liegen Grenzen?
Unter dem Titel „Barrierefreiheit im Wandel: Chancen und Grenzen von Gebärdensprach-Avataren“ luden wir, die Bundesfachstelle Barrierefreiheit, am 26. Februar 2026 ins Konferenzzentrum Mauerstraße (KOM27) in Berlin ein. Rund 500 Menschen nahmen live in Berlin und online teil. Die Aufzeichnung der Veranstaltung finden Sie hier: Aufzeichnung der Veranstaltung.
- Barrierefreiheit im Wandel: Chancen und Grenzen von Gebärdensprach-Avataren
- Gebärdensprach-Avatare im Fokus: Ein Thema – verschiedene Perspektiven
- Die Zukunft von Gebärdensprach-Avataren: Wesentliche Erkenntnisse für Forschung, Entwicklung und Einsatzbereiche – eine Einordnung der Bundesfachstelle Barrierefreiheit
- Aufzeichnung ist online
Barrierefreiheit im Wandel: Chancen und Grenzen von Gebärdensprach-Avataren
Für die Veranstaltung brachten wir Perspektiven aus Wissenschaft, Community, Entwicklung und Anwendung zusammen: 14 Referierende und Interviewpartner beleuchteten verschiedene Ansätze und Blickwinkel; Teilnehmende konnten per Online-Chat und live Fragen stellen. Ein bilinguales Moderatorenteam führte durch das Programm. Die Beiträge wurden simultan in Deutsche Gebärdensprache und Leichte Sprache übertragen. Zusätzlich gab es eine Schriftdolmetschung.
Adressiert waren Bundesministerien und -behörden, Gebärdensprachnutzende und ihre Interessenverbände, Dolmetschende, Technologieanbietende sowie Expertinnen und Experten aus den Bereichen Barrierefreiheit, IT und KI.
Mit der Veranstaltung wollten wir das Thema einer potenziellen Technologie für Barrierefreiheit aufgreifen, diese fachlich einordnen sowie mit Wissenschaft, Praxis und Community machbare Einsatzmöglichkeiten diskutieren und weiterdenken.
Simone Miesner, Bundesfachstelle Barrierefreiheit
Simone Miesner von der Bundesfachstelle Barrierefreiheit (links im Bild) mit dem Moderatoren-Team der Veranstaltung.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Bundesfachstelle Barrierefreiheit als Impulsgeberin
Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit ist zentrale Anlaufstelle zu den Fragen der Barrierefreiheit. Lösungen zur Umsetzung von Barrierefreiheit können unter anderem in gemeinsamen Dialogen entstehen. Mit der Veranstaltung wollte die Bundesfachstelle ein übergeordnetes Format schaffen, das verschiedene Expertisen zusammenbringt, um
- Erfahrungen und Wissen zu teilen,
- Perspektiven zu erörtern und einzuordnen,
- Entwicklungen fachlich und kritisch zu bewerten,
- mögliche Einsatzmöglichkeiten zu diskutieren.
Spannend sind Einsatzbereiche, in denen es noch keine oder kaum Angebote in Deutscher Gebärdenspache gibt.
Sven Niklas, Bundesfachstelle Barrierefreiheit
Ziel war es, all das gemeinsam mit den Beteiligten in Forschung, Entwicklung und im Einsatz von Gebärdensprach-Avataren zu erörtern und zu diskutieren.
Gebärdensprach-Avatare im Fokus: Ein Thema – verschiedene Perspektiven
In Vorträgen, Interviews, Use-Cases, Spotlights und einer Podiumsdiskussion beleuchteten die Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Community, Praxis sowie Bund und Ländern verschiedene Perspektiven für den zukünftigen Einsatz von Gebärdensprach-Avataren.
1. Wissenschafts-Perspektiven aus Forschung und Translationswissenschaft
Dr. Berit Blanc eröffnete die Veranstaltung mit ihrem Impulsvortrag „KI für mehr Teilhabe am Arbeitsleben: Potenziale und Herausforderungen“. Sie forscht zu KI-gestützten Assistenztechnologien und Inklusion in Arbeit und Beruf. Die Wissenschaftlerin erläuterte unter anderem konkrete einzelne Barrieren, die Menschen mit Hörbehinderungen im Beruf haben können.
KI und Barrierefreiheit ist ein facettenreiches und zutiefst sinnstiftendes Thema. Sei es, Kl für alle Menschen barrierefrei nutzbar zu machen oder Kl gezielt zum Abbau von Barrieren einzusetzen.
Dr. Berit Blanc, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz
Im Bereich der KI gäbe es bereits Tools, die marktreif und daher hilfreich seien, wie beispielsweise die Live-Transkription.
Dr. Berit Blanc vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) eröffnete den Tag mit ihrem Impulsvortrag „KI für mehr Teilhabe am Arbeitsleben: Potenziale und Herausforderungen“.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Ohne Geschichte kein Verständnis
Dr. Verena Krausneker, Gebärdensprachlinguistin an der Universität Wien, und Sandra Schügerl MA, Lehrerin und taube Übersetzerin in Wien, haben gemeinsam zu Avataren für Gebärdensprachen geforscht. In ihrer Forschungsarbeit identifizierten sie folgende ethische und translationswissenschaftliche Bedarfe:
Die Gehörlosen-Community trägt eine Geschichte, die bei der Entwicklung von Avatar-Technologien mitgedacht werden muss: Taube Menschen haben wiederholt erlebt, dass Entscheidungen über sie hinweg getroffen wurden. Das prägt, wie die Gemeinschaft heute neuen Technologien begegnet.
Technologien, die ohne Beteiligung der Community entwickelt und an ihr erprobt werden, riskieren, dieses „Muster“ fortzuschreiben.
Die Community hat den Eindruck, dass wirtschaftliche Interessen der Technologieanbietenden über dem Schutz und Erhalt der Gebärdensprachen stehen.
In der Entwicklung und Vermarktung von Avataren dominiert bislang eine Perspektive auf gehörlose Menschen statt mit ihnen gemeinsam – diese Perspektive bleibt bislang zu wenig berücksichtigt.
Alles, was taube Menschen betrifft, MUSS in Kooperation mit tauben Expertinnen und Experten und im Austausch mit der Gehörlosengemeinschaft geschehen.
Dr. Verena Krausneker, Universität Wien, und Sandra Schügerl MA, Wien
Bisher sei bei Gebärdensprach-Avataren eine Verständlichkeit von 52 Prozent gegeben. Die Entwicklung dauere noch – Avatare seien in ungefähr acht bis zwölf Jahren marktreif.
Dr. Verena Krausneker und Sandra Schügerl (online zugeschaltet) von der Universität Wien legten in ihrem Beitrag den Fokus auf ethische und translationswissenschaftliche Aspekte beim Einsatz von Gebärdensprach-Avataren.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
2. Community-Perspektiven aus der Gebärdensprach-Gemeinschaft
- Ralph Raule, Präsident des Deutschen Gehörlosen-Bundes e. V.
- Robin Angelini, Doktorand und Deaf-Tech-Experte an der TU Wien
- Katja Fischer, Vorsitzende des Berufsverbands der tauben GebärdensprachdolmetscherInnen e. V.
- Ricco Richert, bis April 2026 Vorstand Deutsche Gehörlosen-Jugend
Im Interview und in der Podiumsdiskussion formulierten die Expertinnen und Experten folgende Herausforderungen und Bedarfe aus Sicht der Gebärdensprach-Gemeinschaft:
In der Gesellschaft fehlt das Bewusstsein dafür, dass Gebärdensprache eine eigenständige wichtige Sprache ist.
Avatare können eine gute Lösung sein für spezielle Situationen. Man muss aber die Metaebene betrachten: Gerade Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft haben mit Sprachdeprivation zu kämpfen; sie haben keinen guten Zugang zu Sprache, was diverse Probleme nach sich zieht, sowohl sozial-psychisch als auch kognitiv.
Ricco Richert, Deutsche Gehörlosen-Jugend
Bislang ist eine Übersetzungsarbeit durch Gebärdensprach-Avatare technisch noch nicht umsetzbar und Übersetzungen führen zu Verständigungsdefiziten. Gebärdensprache arbeitet mit Mimik, mit bestimmten Bewegungen, die in einen Kontext gebettet werden müssen. Wird das nicht in Forschung und Entwicklung berücksichtigt, entstehen neue Barrieren im Alltag, statt Teilhabe zu verbessern.
Das ist eine Diskussion, die wir führen müssen: Wie sieht es mit der Qualität der Avatare aus Sicht der gehörlosen Kinder und Jugend aus?
Ricco Richert, Deutsche Gehörlosen-Jugend
Podiumsgespräch „Avatare: Hilfe oder Hindernis“ mit Robin Angelini, TU Wien, Ricco Richert, Deutsche Gehörlosenjugend e. V., Katja Fischer, Berufsverband der tauben GebärdensprachdolmetscherInnen e. V., Moderatorin Anke Klingemann, Moderator Martin Mölder und Ursula Helene Heerdegen-Wessel, NDR Barrierefreie Kommunikation (von links nach rechts).
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Die Entwicklung von Gebärdensprach-Avataren darf nicht an den Bedürfnissen der Gebärdensprach-Gemeinschaft vorbeigehen. Bisher fehlt der Austausch zu Fragen wie: Wann sind Avatare Teilhabe schaffende Möglichkeiten? Was sind die Vorstellungen der Community? Wann können Avatare sinnvoll ergänzend eingesetzt werden?
Ich kann mir vorstellen, dass Avatare am Bahnhof eingesetzt werden, um Informationen über einen Gleiswechsel oder eine Verspätung anzusagen, die gleichbleibend wiederholt werden.
Katja Fischer, Berufsverband der tauben GebärdensprachdolmetscherInnen e. V.
Taube Menschen brauchen nachhaltigen Zugang zu Chancen, Bildung und Ressourcen, um Technologien selbstbestimmt entwickeln zu können.
Taube Menschen haben oft nicht die Möglichkeit, diesen Bereich weiterzuentwickeln.
Ralph Raule, Deutscher Gehörlosen-Bund e. V.
Ralph Raule vom Deutschen Gehörlosen-Bund e. V. im Interview mit Anke Klingemann
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Es besteht die Sorge, dass für die Entwicklung von Gebärdensprach-Avataren unter anderem ungeeignete „Trainings-Daten“ tauber Menschen gesammelt und genutzt werden.
Deaf-Tech-Experte Robin Angelini: „Barrierefreiheit und Kosten sparen passt nicht zusammen. Dann kann man nichts aufbauen und nichts schaffen.“
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
3. Praxis-Perspektiven aus Entwicklung und Anwendung
- alangu GmbH
- Landschaftsverband Rheinland (LVR), Projektkoordination Portal Integrierte Beratung und Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Stabsbereich Inklusion und Kommunales
- Öffentlich-Rechtliche Rundfunkanstalten NDR und MDR
Entwickler alangu GmbH: Avatare sind Ergänzung für Teilhabe, nicht Ersatz
Praxisnahe Einblicke in die Entwicklung und den Stand von KI-basierten Sign-Language-Avataren gaben CEO und Gründer Alexander Stricker und der Gebärdensprach-Experte Carsten Schmidt, beide von alangu GmbH, einem Kölner Software-Anbieter.
Zurzeit beschäftigen sich 100 Organisationen weltweit mit Gebärdensprach-Avataren. Die Umsetzung sei kompliziert, da die Gebärdensprache eine dreidimensionale Sprache sei und eine eigene Grammatik habe. Das Verfahren der Umsetzung eines Textes in einen Gebärdensprach-Avatar funktioniere bei alangu über mehrere Schritte: Zunächst werde der Text übersetzt und in Gebärdensprache aufgenommen – inklusive Qualitätssicherung von tauben Expertinnen und Experten. Anschließend folgen die Aufnahmen für die Avatar-Figur – ein Dolmetscher, der einen Motion-Capture-Anzug trägt, gebärdet den Text. Dabei wird er gefilmt und seine Bewegungen werden dreidimensional erfasst. Es folge eine 3D-Nachbearbeitung. Gehörlose Menschen sind in alle Produktionsschritte eingebunden.
Wir sehen den Avatar als Ergänzung und nicht als Ersatz und die Technik ist als Werkzeug für den Zugang und die Teilhabe sinnvoll.
Alexander Stricker, alangu GmbH
In all diesen Einzelschritten des zirkulären Prozesses sind taube Menschen beteiligt, die ein Auge darauf haben. Erst braucht es das Go von ihnen, bevor der nächste Schritt gegangen werden kann, so dass hier am Ende etwas steht, was gut geprüft ist.
Carsten Schmidt, alangu GmbH
Um den Avatar so effektiv wie möglich zu nutzen, entwickelte alangu ein Baukasten-System. So werden einzelne Begriffe und Texte als Bausteine mit dem DGS-Avatar produziert und angeboten.
Alexander Stricker (links) und Carsten Schmidt von alangu GmbH gaben in ihrem Praxisvortrag Einblick in die Entwicklung und den Stand der Technik von Gebärdensprach-Avataren.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Kommunalverbände: BITV 2.0-Mindestanforderungen reichen für bürgernahe Angebote nicht aus
Dr. Stephanie Schneider, Projektkoordination Portal Integrierte Beratung beim Landschaftsverband Rheinland (LVR), und Dr. Nadja Zaynel, Stabsbereich Inklusion und Kommunales beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), sammeln auf Landes- und Kommunalebene Erfahrungen in der Entwicklung und im Einsatz von Gebärdensprach-Avataren.
Ihrer Erfahrung nach stehen Verwaltungen, die Gebärdensprach-Avatare einsetzen möchten, vor diesen Herausforderungen:
- Die gesetzlichen Mindestanforderungen der BITV 2.0 sind für einen bürgernahen Serviceauftrag zu eng gefasst: Sie schreiben vor, welche Seiten barrierefrei sein müssen (Startseite etc.). Aber sie orientieren sich nicht daran, wo der tatsächliche Informationsbedarf gehörloser Bürgerinnen und Bürger liegt.
- Die alltagsnahen, serviceorientierten Informationen liegen in der Tiefe der Portale und nicht auf den gesetzlich vorgeschriebenen Pflichtseiten. Eine bürgernahe Umsetzung muss diese Unterseiten einbeziehen.
- In vielen Verwaltungen fehlen die personellen und fachlichen Voraussetzungen, um DGS-gerechte Inhalte zu erstellen, zu prüfen und aktuell zu halten.
- Verwaltungen benötigen technische Lösungen, die sie redaktionell eigenständig betreuen können, während Weiterentwicklung und Updates beim Anbieter liegen.
Der Avatar ersetzt keine menschlichen Dolmetschenden, aber er ist eine sehr hilfreiche Technologie.
Dr. Stephanie Schneider, LVR
Übersetzungen mit einem Gebärdensprach-Avatar sind dann sinnvoll, wenn es sich um formale, sachliche Themen handelt, bei denen sich Sachverhalte in regelmäßigen Abständen ändern. So können kleine Änderungen an den Übersetzungen vorgenommen werden und es muss kein komplett neues Video in Gebärdensprache produziert werden.
Dr. Nadja Zaynel, LWL
Dr. Stephanie Schneider vom LVR Portal Integrierte Beratung (Leinwand-Bild links) und Dr. Nadja Zaynel vom LWL Stabsbereich Inklusion und Kommunales (Leinwand-Bild Mitte), waren online zugeschaltet und sprachen mit dem Moderatoren-Team über Erkenntnisse aus ihrer Umsetzungspraxis.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
NDR und MDR: Gebärdensprach-Avatare haben bei Eilmeldungen Potenzial
Ursula Helene Heerdegen-Wessel, Leiterin der Redaktion für barrierefreie Angebote beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), und Falko Berthold, Koordinator für Deutsche Gebärdensprache und barrierefreie Programmzugänge beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), gaben Einblicke in einen potenziellen Einsatz von Gebärdensprach-Avataren und die Qualitätsansprüche öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten.
Der NDR setzt derzeit noch keine Gebärdensprach-Avatare ein, da deren Qualität den Anforderungen gehörloser Menschen nicht ausreichend entspricht. Als mögliches Einsatzgebiet nannte Ursula Helene Herdegen-Wessel Katastrophenmeldungen, die als Ticker-Nachrichten eingeblendet werden.
Auch der MDR sieht laut Falko Berthold Potenzial für Gebärdensprach-Avatare bei Katastrophen- und Eilmeldungen. Wenn es gute Wege und gute Avatare gebe, seien sie daran interessiert, weil sie auch schnell reagieren müssten. Als Beispiel nannte er den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024. Der Sender hatte am Folgetag Sondernachrichten mit Unterstützung von Gebärdensprach-Dolmetschenden ausgestrahlt.
Wir wünschen uns selbstverständlich einen Avatar, den wir gezielt einsetzen können, damit diese Inhalte auch in Gebärdensprache übersetzt werden.
Ursula Helene Heerdegen-Wessel, NDR
Da hätte ich gerne einen Avatar gehabt, der mir ein wenig Zeit verschafft – für die ersten Minuten oder Stunden. Es geht uns nicht darum, eine vollständige Berichterstattung durch einen Avatar abzudecken.
Falko Berthold, MDR
Heerdegen-Wessel und Berthold betonten beide, wie wichtig ihnen ein enger Austausch mit gehörlosen Menschen und die aktive Einbindung der Community sei.
Ursula Herdeegen-Wessel berichtete aus ihrer Erfahrung als Leiterin der Redaktion für barrierefreie Angebote beim Norddeutschen Rundfunk.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Eine weitere Rundfunk-Expertise brachte Falko Berthold (rechts) vom Mitteldeutschen Rundfunk in die Veranstaltung ein. Er ist beim Sender Koordinator für Deutsche Gebärdensprache und barrierefreie Programmzugänge.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
4. Bund- und Länder-Perspektiven
- Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS)
- Landeskompetenzzentrum für barrierefreie Informationstechnik und Durchsetzungs- und Überwachungsstelle des Bundeslandes Hessen
Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung
Ulrich Wokulat ist Referent im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung (BMDS). Seine Einschätzung zum aktuellen Stand und Entwicklungsbedarf von Gebärdensprach-Avataren konnte er unter anderem aus der Vorphase eines aktuellen Projekts im Bereich Künstliche Intelligenz zur Unterstützung der IT-Barrierefreiheit gewinnen:
- Der Markt sei derzeit noch nicht in der Lage, Technologien zur Verfügung zu stellen, die menschliche Gebärdensprachübersetzungen ersetzen könnten.
- Erst einmal müssten Forschung und Entwicklung gezielt gefördert werden. Das Ministerium habe aufgrund der Erfahrung aus der Vorphase die Projektausschreibung angepasst.
- Langfristig brauche die öffentliche Verwaltung KI-gestützte Technologie, die dabei unterstützt, mehr und schneller barrierefreie Inhalte zu erstellen.
Genau das ist ein Punkt, warum wir so ein automatisiertes KI-Tool brauchen. Damit es in der Zukunft nicht mehr so lange dauert.
Ulrich Wokulat, BMDS
Landeskompetenzzentrum für barrierefreie Informationstechnik und Durchsetzungs- und Überwachungsstelle des Bundeslandes Hessen
Prof. Dr. Erdmuthe Meyer zu Bexten ist als Landesbeauftragte für barrierefreie IT für die Umsetzung und Einhaltung der Richtlinie (EU) 2016/2102 im Land Hessen zuständig. Zudem leitet sie die Durchsetzungs- und Überwachungsstelle sowie das Landeskompetenzzentrum Barrierefreie IT.
In den abschließenden Spotlights zur Veranstaltung empfahl sie:
- Finanzielle Förderung: Es müsse darauf hingewirkt werden, dass Bund und Länder mehr Geld für die Community zur Verfügung stellen.
- Erfahrungen nutzen und voneinander lernen: Was passiert in den einzelnen Bundesländern im Bereich KI? Was machen Firmen, Start-up-Unternehmen, Universitäten? Wie gehen zum Beispiel Großbritannien oder die skandinavischen Länder vor, wo viel entwickelt wird
- Kompetenzen bündeln und gemeinsamer Standard: In Hessen gibt es in jedem Ministerium Beauftragte und Ressortverantwortliche für digitale Barrierefreiheit. Sie tragen die relevanten Themen in ihre Häuser. Es finden regelmäßige Treffen statt. Es gilt ein gemeinsamer Standard, der als Basis für Barrierefreiheit, IT und Datenschutz entwickelt wurde.
Man denkt bei KI immer, man gibt irgendwas ein und es kommt ein Gebärdensprachvideo oder eine Untertitelung raus. Aber wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie aufwändig die Herstellung ist und was alles dahintersteckt.
Prof. Dr. Erdmuthe Meyer zu Bexten, Landesbeauftragte für barrierefreie IT, Hessen
Im abschließenden Spotlight stellte Prof. Dr. Erdmuthe Meyer zu Bexten, Landesbeauftragte für barrierefreie IT Land Hessen, beispielhaft vor, wie das Land Hessen Kompetenzen zu digitaler Barrierefreiheit bündelt und gemeinsame Standards entwickelt.
Quelle: Bundesfachstelle Barrierefreiheit/Carsten Beier
Die Zukunft von Gebärdensprach-Avataren: Wesentliche Erkenntnisse für Forschung, Entwicklung und Einsatzbereiche – eine Einordnung der Bundesfachstelle Barrierefreiheit
Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit gehörlose Menschen künftig deutlich mehr Informationen in DGS durch Gebärdensprach-Avatare erhalten als bisher?
Wie können Bund und Länder, die Wissenschaft sowie Community und Praxis gemeinsam in eine Prozessgestaltung gehen, um eine qualitative KI-Technologie zu erforschen und zu entwickeln?
Aus den Impulsen unserer Expertinnen und Experten der Veranstaltung „Barrierefreiheit im Wandel: Chancen und Grenzen von Gebärdensprach-Avataren“ leiten wir folgende Rahmenbedingungen und Empfehlungen für Forschung, Entwicklung und Praxisanwendung ab.
1. Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung
- Forschung und Entwicklung müssen die Deutsche Gebärdensprache als eigenständige Sprache mit ihren Besonderheiten verstehen. Nur so lassen sich Gebärdensprach-Avatare für eine verlässliche Verständigung entwickeln.
- Zentral sind klare Definitionen der Begriffe „KI" und „Avatar".
- Die Einsatzbereiche für Avatare müssen bestimmt und von jenen abgegrenzt werden, in denen menschliche Dolmetschende unverzichtbar bleiben. Avatare eignen sich für standardisierte Informationstexte ohne Kontextwissen wie zum Beispiel Lautsprecheransagen am Bahnhof oder automatisierte U-Bahn-Ansagen.
- Die Gehörlosen-Community muss als gleichberechtigte Partnerin in Entwicklung und Forschung einbezogen werden, damit sich Avatare an den Bedürfnissen der Zielgruppe orientieren.
- Für eine gewinnbringende Zusammenarbeit bei Forschung und Entwicklung braucht es interdisziplinäre Teams.
- Darüber hinaus sollte das Deaf Lead-Prinzip gelten: Taube Spezialistinnen und Spezialisten führen bei der Erstellung aller Arten von Produkten und Services, die speziell für taube Menschen hergestellt werden.
- Um die Qualität sicherzustellen, sind verbindliche Standards notwendig. Aus den Standards sollte ein Kriterienkatalog abgeleitet werden, der Empirie getrieben und forschungsbasiert ist sowie allgemein anwendbar sein soll – Beispielkriterien: Beweglichkeit, Feinmotorik, translatorische Qualität etc.
- Die Qualitätssicherung sollte durch taube bilinguale Spezialistinnen erfolgen.
- Für die Entwicklung von Gebärdensprach-Avataren sollen hochwertige Daten aus der natürlichen Gebärdensprache genutzt werden.
2. Empfehlungen für die Anwendung in der Praxis
- Öffentliche Träger sollten eine Inhaltsstrategie entwickeln, die über die BITV-Pflichtseiten hinausgeht und sich an den tatsächlichen Nutzungsbedarfen gehörloser Bürgerinnen und Bürger orientiert. Ausgangspunkt kann eine Bestandsaufnahme der meistgenutzten Seiten und häufigsten Bürgeranliegen sein.
- Gebärdensprach-Avatare bewähren sich als ergänzendes Format, das wesentliche Inhalte auch auf Unterseiten in Deutscher Gebärdensprache vermittelt – dort, wo die relevanten, alltagsnahen Informationen tatsächlich zu finden sind.
- Der Aufbau eines inklusiven Kompetenzteams schafft die personelle Grundlage für eine nachhaltige Pflege und Qualitätssicherung der Inhalte. Es besteht aus Mitarbeitenden mit DGS-Kenntnissen und redaktioneller Verantwortung.
- Baukastensysteme von spezialisierten Dienstleistern bieten eine praktikable Lösung: Anwendende pflegen die Inhalte eigenständig, während Beratung, Betreuung und technische Weiterentwicklung bei den Anbietenden liegen.
Von der Debatte zur Umsetzung – ein Ausblick
Wenn es uns gelingt, ein besseres Verständnis für die Deutsche Gebärdensprache und deren Gemeinschaft zu schaffen, werden ihre grundsätzlichen Bedarfe für die Nutzung von Gebärdensprach-Avataren auch besser erkannt. Die Forschung und Entwicklung einer nutzerorientierten KI-Technologie sollte gleichberechtigt und in interdisziplinären Teams arbeiten. Partizipation und Dialog von Beginn an sind eine grundlegende Voraussetzung für den Erfolg.
In der Veranstaltung wurde deutlich, dass sich der technische Fortschritt rasant entwickelt. Wer heute nicht mitgestaltet, riskiert, morgen mit Lösungen konfrontiert zu werden, die sich am Markt durchgesetzt haben, aber nicht den Bedarfen der Gemeinschaft entsprechen. Die Gebärdensprach-Gemeinschaft kann diese Entwicklung aktiv mitprägen. So können Avatare entstehen, die keine neuen Barrieren und stattdessen wahre Teilhabe schaffen.
Ein konstruktiver regelmäßiger Austausch zwischen Bund und Ländern, Wissenschaft, Gebärdensprach-Gemeinschaft sowie Entwickelnden und Anwendenden kann die Basis sein, dass Gebärdensprach-Avatare zukünftig ein hilfreiches barrierefreies Angebot bieten – statt ein Hemmnis zu sein.
Aufzeichnung ist online
Die Programmpunkte sowie die Aufzeichnungen der Veranstaltung sind online in zwei Versionen abrufbar: