Bundesfachstelle Barrierefreiheit

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(Versuch einer) Chronologie der barrierefreien Kommunikation von Behörden über das Corona-Virus

Betrachtet man den chronologischen Verlauf der weltweiten Corona-Pandemie und vergleicht die Zeitpunkte, wann die barrierefreie Information und Berichterstattung in Deutschland begann, stellt man unweigerlich eine deutliche zeitliche Verzögerung fest. Mit dieser Chronologie veröffentlicht die Bundesfachstelle Barrierefreiheit einen groben Überblick über die Entwicklung der Corona-Krise und den Verlauf der barrierefreien Information für Menschen mit Behinderungen am Beispiel der Gebärdensprache (natürlich ohne Gewähr auf Vollständigkeit).

1.12.2019: In Wuhan (China) tritt ein erster Fall einer noch unbekannten Lungenkrankheit auf.

26.12.2019: In einem Testlabor in Wuhan wird das Virus entdeckt.

30.12.2019: Chinesische Ärzte warnen in sozialen Netzwerken erstmals vor dem Virus.

31.12.2019: Die chinesischen Behörden informieren erstmals öffentlich über inzwischen 27 aufgetretene Fälle einer unbekannten Lungenkrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird informiert und schickt erste Teams nach Wuhan.

9.1.2020: Der erste Patient stirbt in China an dem neuartigen Corona-Virus.

13.1.2020: Die ersten Fälle von Corona-Infizierten treten in Thailand auf.

16.1.2020: Erste Fälle von Corona-Erkankten treten in Japan auf.

20.1.2020: Das Virus breitet sich in China aus. Es wurde festgestellt, dass es von Mensch zu Mensch übertragbar ist.

21.1.2020: Der erste Corona-Fall in den USA ist belegt.

23.1.2020: Die chinesische Regierung riegelt die Stadt Wuhan komplett ab.

24.1.2020: Die ersten Fälle von Corona-Erkankten treten in Frankreich auf.

28.1.2020: Es gibt einen ersten Corona-Infizierten in Deutschland (Oberbayern).

29.1.2020: Die taube Gebärdensprachdolmetscher/-in Katja Fischer berichtet erstmals über das Corona-Virus in Deutscher Gebärdensprache: https://www.youtube.com/watch?v=S93E4QKhgFU. Sie beschreibt die Situation, die sie von chinesischen Gehörlosen über das Internet mitbekommen hat und gibt einen Überblick über die Entwicklung und die ersten aufgetretenen Krankheitsfälle in Deutschland. 

Februar 2020: Inzwischen treten weitere Infektionsfälle in Südkorea, Afrika und Japan auf. Deutsche werden aus Wuhan evakuiert. Die WHO benennt das Virus von 2019-nCoV in COVID.

22.2.2020: Der erste Europäer stirbt in Italien an den Folgen des Virus. Bis dahin sind in Italien 17 Fälle bekannt.

24.2.2020: Italien riegelt insgesamt 11 Städte ab.

27.2.2020: Während in Italien die Zahl der am Virus Erkankten weiter steigt, werden auch im Kreis Heinsberg (NRW) Fälle bekannt.
Die Senatskanzlei Hamburg veröffentlicht das erste behördliche Video mit Informationen zum Corona-Virusin Deutscher Gebärdensprache: https://www.hamburg.de/hamburg-barrierefrei/leichte-sprache/service/13647636/dgs-informationen-zum-coronavirus/.

Kurzes Fazit: Bis Ende Februar gab es so gut wie keine behördlichen barrierefreien Informationen zum Thema Corona. Im März 2020 änderte sich die Lage schlagartig.

3.3.2020: Der Gehörlosenverband München und Umland e.V. meldete sich aktiv per Pressemitteilung und DGS-Video und machte auf die fehlenden barrierefreien Informationen aufmerksam: https://www.gmu.de/pressemitteilung-2020-02-coronavirus-epidemie-informationsdefizit-bei-gehoerlosen-menschen/

5.3.2020: Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. klärte gehörlose Menschen umfassend über die aktuelle Situation auf. Dies übernahm die gehörlose Medizinerin Dr. med. Ulrike Gotthardt: http://gehoerlosen-bund.de/sachthemen/gesundheit.

6.3.2020: Ebenso verwies der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. in einer Stellungnahme auf den fehlenden Zugang zu gesundheitlichen Informationen über das Corona-Virusin Gebärdensprache und mit Untertiteln: http://gehoerlosen-bund.de/sachthemen/gesundheit.

9.-12.3.2020: Sowohl der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung als auch die behindertenpolitischen Sprecher der Oppositionsparteien im Bundestag fordern eine weitreichende barrierefreie Informationspolitik der Bundesregierung ebenso wie der Deutsche Behindertenrat.

11.3.2020: Die Bundeskanzlerin spricht erstmalig in einem barrierefreien Format über die Situation rund um das Corona-Virus: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/bundeskanzlerin-merkel-zum-coronavirus-1729918.
(Anmerkung: Frau Merkels Rede wird immer erst nach der Aufzeichnung des Videos in Deutsche Gebärdensprache übersetzt. Sie wird nicht live und in Echtzeit simultan übersetzt. Das bedeutet, gehörlose Menschen erhalten die Informationen deutlich später als die übrige Bevölkerung.)

Mitte März 2020: Die Corona-Krise spitzt sich zu, und die Forderung nach barrierefreien Informationen wird immer stärker. Gleichzeitig werden im Eiltempo barrierefreie Informationen in sämtlichen Formaten erstellt. Selbst einige Regierungschefs der Bundesländer halten Pressekonferenzen zum Thema Corona ab, bei denen wie selbstverständlich Gebärdensprachdolmetscher/-in Teil der Konferenz sind.

Exemplarisch ein paar Beispiele aus dem Bund und den Ländern:

17.3.2020: Das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlicht jetzt täglich die aktuell in Deutschland gemeldeten Corona-Infizierten. Inzwischen findet diese Pressekonferenz immer mit einer Gebärdensprachdolmetscher/-in statt. Hier hat das Robert-Koch-Institut vorbildlich die Barrierefreiheit umgesetzt und Informationen in Echtzeit weitergegeben.

RKI: https://www.youtube.com/watch?v=eKfiyuNaBew

18.3.2020: Den vorläufigen Höhepunkt der barrierefreien Berichterstattung setzt die Bundeskanzlerin in Zusammenarbeit mit dem Bundespresseamt und ihrem Regierungssprecher Steffen Seibert. Zum Hintergrund: Die Ansprache der Kanzlerin an die Bevölkerung wurde zuvor aufgezeichnet und dann den verschiedenen TV-Sendern zur Verfügung gestellt. Vor Ort waren Gebärdensprachdolmetscher/-in, die nicht direkt und simultan die Ansprache übersetzen konnten. Auf dem Nachrichtensender n-tv konnte die Ansprache als Erstes gesehen werden, in einer nicht barrierefreien Version. Um 19:30 Uhr folgte die Ausstrahlung im ZDF, ebenfalls in einer nicht barrierefreien Version. Die Tagesschau um 20 Uhr wird in Phoenix immer in Gebärdensprache übertragen – so wurden auch die Ausschnitte der Ansprache der Kanzlerin dort simultan gedolmetscht. Im Anschluss wurde auf Tagesschau24 die ganze Rede der Kanzlerin von der Gebärdensprachdolmetscher/-in, die vorher auf Phoenix die Tagesschau gedolmetscht hat, simultan übersetzt. Zusätzlich wurde, kurioserweise, die Rede der Kanzlerin im Kanzleramt nachträglich mit den beiden dort anwesenden Gebärdensprachdolmetscher/-in übersetzt und auf der Website der Bundesregierung veröffentlicht: https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/ansprache-in-gebaerdensprache-1732122

Somit gab es zwei Gebärdensprachversionen von der Ansprache der Bundeskanzlerin an die Nation, die aber beide nicht in Echtzeit übertragen wurden. D.h. wer im linearen Fernsehen diese Rede in Gebärdensprache sehen wollte, konnte sie nur zeitverzögert nach 20:15 Uhr sehen und auch nur im Programm Tagesschau24. 

19.3.2020: Pressekonferenz mit Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in der Bundespressekonferenz in Deutscher Gebärdensprache mit Gebärdensprachdolmetscher/-in: https://www.pscp.tv/w/cUIFSzFtTUtQTXpOYm1lakd8MU1uR25ReU1vZ3lLT4522HuUuDqzKT_paXK7xm3ddcv2IoovQiXkFhPvf5_3?t=3m56s

Was bei der Kanzlerin am Vortrag noch nicht umgesetzt wurde, übernahm die Verteidigungsministerin, die in der Bundespressekonferenz live gedolmetscht wurde.  

22.3.2020: Die Bundeskanzlerin informiert über die gemeinsamen Leitlinien des Bundes und der Länder und wird diesmal durch die Gebärdensprachdolmetscher/-in des Fernsehsenders Phoenix simultan übersetzt https://www.bundesregierung.de/breg-de/themen/coronavirus/bund-laender-leitlinien-1733222.

Parallel fand dazu ein von der Bundesregierung organisierter Hackathon statt (https://wirvsvirushackathon.org/), der in einem Projekt das Thema barrierefreie Information aufgriff und bearbeitete (mehr dazu: https://devpost.com/software/covid-19-infoportal).

25.3.2020: Die ARD berichtet dem Deutschen Gehörlosen-Bund e.V., dass der federführende Sender beim Thema Barrierefreiheit, der NDR, personelle Schwierigkeiten aufgrund der Corona-Krise hat und somit kein vollumfängliches barrierefreies Angebot mehr gewährleistet werden kann. Dies gilt gerade für Sondersendungen und Untertitelung.

26.3.2020: Nach erneuten Gesprächen zwischen NDR und Deutschem Gehörlosen-Bund wurde festgestellt, dass es sich um ein Missverständnis handelte. Der NDR hat dann die Einschränkung bezüglich der barrierefreien Angebote auf zwei regionale Sendungen beschränkt.

27.3.2020: Es ist unglaublich viel geschehen in diesen Zeiten von Corona. Die Bundesfachstelle Barrierefreiheit konnte feststellen, dass das Thema barrierefreie Kommunikation eine unvorhersehbare Dynamik bekommen hat. Die Ereignisse überschlagen sich teilweise, und es muss jeden Tag mit neuen Informationen gerechnet werden. Genau in dieser Krisenzeit unterstützen wir die Bundesbehörden und versuchen, das Thema barrierefreie Kommunikation und Information weiter zu begleiten. Die ersten Schritte in dieser aktuellen Krise sind getan. Nun haben der Bund und die Länder sich auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt, sei es in der Gesundheitsfrage, in wirtschaftlichen oder arbeitsrechtlichen Fragestellungen. Jetzt kommt es darauf an, dass die Hilfen bei den Bürgerinnen und Bürgern ankommen. Hierfür benötigen sie ebenfalls umfassende, barrierefreie Informationen – sei es bei den Banken, Ärzten, Verwaltungen und anderen Anlaufstellen, die in der Krise Ansprechpartner für die Bevölkerung sind.

Stand: 27.3.2020

(Anmerkung der Redaktion: Sven Niklas, Verfasser der vorliegenden Chronologie, ist Mitarbeiter der Bundesfachstelle Barrierefreiheit und in Sachen Deutscher Gebärdensprache selbst Native Speaker)